Sommerfahrt der Uttenreuther Pfadfinder nach Marokko 1998

Die Marder (VCP) sind auch diesen Sommer, dem 98sten seit 1900, wieder weit weg gefahren, Ziel war nach Schottland und Polen in den letzten Jahren diesmal Marokko.

Wir haben uns einen Bus, um Marokko und natürlich auch den Weg dorthin selbst zu erfahren (*2). Am 31.7. sind wir also mit unserem Fiat Ducato und dem kleinen Corsa von Toschi losgefahren, mit etwas spontaner Streckenplanung und Frankreich als erstes Ziel.

Frankreich als Ziel? Wieso Ziel?
Der Weg ist blabla, was denn sonst.
Frankreich?
Naja, vielleicht auch nur einen Teil von Frankreich, dafür geht es dahinter gleich fein mit Spanien weiter.

Erste Verwirrungen

Erst müssen wir aber mit unseren deutschen Staus auf der Autobahn fertig werden, wobei wir uns gleich das erste mal verlieren. Der Treffpunkt in Bruchsal hilft dann auch nicht viel, weil bis zur Grenze in Freiburg ist der Corsa schon wieder weg. Genauso wie die Kupplung vom Bus, die dort ihren ersten Aussetzer hat, der aber noch mit etwas Feintuning zu beheben ist.

In Frankreich müssen wir uns dann natürlich auch sofort wieder auseinanderfahren, verfahren, teure Autobahn fahren, sofort wieder runterfahren, bis zwei Uhr nachts fahren und bis nach Taizé. Das ist nämlich unser Treffpunkt, den irgend jemand (keine Namen, sonst Kloppe von Berni- zu spät) in einem Anfall von Größenwahn festgelegt hat. Entweder das, oder die Wegstrecke hat einen Anfall von Größenwahn. Zumindest hat anscheinend niemand Lust, am Ortsschild ewig auf das andere Auto zu warten, also Zettel aufs Ortsschild gebappt und ab ins Bett. Zumindest für die Busfahrer: die lassen sich in der Weltjugenddauerbegegnungsklosterstätteblaweiter Taizé in eine Art Übergangszelt einladen, aus dem wir uns dann am Morgen klammheimlich entfernen, genauso wie das gute Wetter, das es anscheinend noch eiliger hat als wir.

Zumindest taucht dann pünktlich zum Frühstück der Corsa wieder auf, was nicht so ganz unwichtig ist, da wir dessen Kofferraum quasi zur Kochkiste umfunktioniert haben. Also ist im Bus praktisch nichts zu beissen, und die Corsafahrer mußten ohne Schlafsack oder irgendeine sonstige Ausrüstung im Auto übernachten.

Der mit diesem Frühstück begonnene Tag wird dann abgesehen vom üblichen Fahren, Einkaufen, Tanken vor allem von Harrys Mittelohrentzündung geprägt. Nach kontroversen Diskussionen und einer heißen Leitung nach Uttenreuth entscheiden wir uns, so schnell wie möglich ans Mittelmeer zu kommen, um dort einen oder zwei Tage Ruhe einzulegen. Aber erst müssen wir noch dort hin - ja genau - fahren.

Immer südwärts, Saône oder Rhône entlang, oder beide oder einen anderen Fluß mit -ône hintendran, keine Ahnung. Etwas abseits daneben kommt man dann auch durch sehr toskanaartige Landschaft, an Tankstellenruinen als Folge der neuen Autobahn nebenan und geradezu amerikanisch am Flußrand geparkten Frachtschiffswracks vorbei. All dies scheint einen guten Einfuß auf das Wetter zu haben, ich nenne es mal "brauchbar". Nach einer Übernachtung an der Ardèche machen wir dann auch wieder mal eine Besichtigungspause bei den fotografierende Touristen fotografierenden Touristen am Pont du Gard. Wir mischen kräftig mit.

Französische Strandfriedhöfe

Für den Ruhetag haben wir ein schönes Plätzchen, einen pfützenübersähten, halbverlassenen Strandparkplatz am mysteriösen Möchtegernsurfertreff "L'Arbe du Voyageur" gefunden, schöne Uraltasphaltpistenstimmung und so. Und Wind, der uns weitertreibt, zumal Harrys Ohr bei Sturm auch nicht besser wird. Die Einkäufer sind der Meinung, daß die einzige Möglichkeit für Wildcamper, in einem Ort in dem wohl fast jeder irgendwie von einem Campingplatz lebt Frischwasser aufzutreiben der Friedhof sei. Naja, eine von den ummauerten Zellen war wegen Bauarbeiten sogar nicht abgeschlossen, die Verwandten müssen wohl sonst die Blumen über die Wand schmeißen, nettes System, so bekommen auch die weniger geliebten was ab.

An diesem Tag kommt highchecker Andi als erster auf den Trichter, daß man um die ganzen Kreisverkehre fein rumfahren kann, wenn man die Landkarte noch nicht durchgelesen hat und es kommen immer mehr auf den Geschmack. Dieser Tag wird als Tag der Orientierungslosigkeit in unsere Geschichte eingehen, genauso wie der Superstau, in den wir reinrauschen, nachdem wir endlich herausgefunden haben, wo wir hinwollen. Da will der Regen nur auch hin, also rauschen wir, wo wir schon dabei sind, auch in den gleich noch mit rein, so wie er auf uns.

Im Rahmen der Mittagspause schauen wir uns eine mittelalterliche Stadtburg an, die wohl mal direkt am Meer lag und sehr gut erhalten ist. Eben dies fand das Meer dann auf Dauer wohl auch reichlich langweilig und ist woanders hin gezogen, wo mehr Veränderung los ist.

Der Bus will nicht nach Spanien

In Richtung Spanien äußert die Buskupplung ihre Meinung zum aktuellen Stau indem sie "fahren oder ganz stehen" sagt, es geht im Stand kein Gang rein. Renner schafft das dann doch noch, Anfahren im 2. oder 3., alternativ Motor aus, 1. rein, Motor an, los. Toll, Marokko, wir kommen, solange wir unterwegs nicht doch irgendwo mal stehenbleiben müssen. Der Fiathändler, den wir unterwegs aufsuchen sagt "austauschen", mindestens zwei Wochen und zitiert zuguterletzt auch noch die alte Fahrlehrer-Hesel-Weisheit "su a Gubblung kost Tauusndmack". Anscheinend auch in Frankreich, von den zwei Wochen hat aber kein Fahrlehrer erzählt.

Vor der spanischen Grenze wollen wir übernachten. Eine seltsame Gegend aus kleinen Straßen mit Furten, Weinanbau, Brachland und Winzervillen lädt zum Übernachten ein, der Regen, der wieder fröhlich losplätschert, nicht. Weiter in Richtung Spanien hilft da auch nichts, auf der wahrscheinlich sehr schönen Küstenstraße findet sich bei Nacht, Regen und Sturm auch nichts. Als letzte Hoffnung wollen wir es am dank Birne & Co. nicht mehr benötigten Grenzübergang versuchen. Der deutsch-französische, an dem wir Pause gemacht hatten, wäre zum Beispiel ideal zum Übernachten gewesen. Der hier aber nicht: Spanischer Polizeijeep davor und eine geöffnete Wechselstube laden nicht zur Übernachtung ein. Dafür sieht der Grenzposten von unten wie ein Himalaya-Kloster aus.

Die Entscheidung, in den Autos zu schlafen fällt leicht, allerdings ist der Wind am Parkplatz auf der spanischen Seite so stark, daß die Autos wie besoffene Fußballfans schaukeln. Der Regen fällt nicht mehr, sondern fliegt waagrecht vorbei und nachdem ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit der Handbremsen aufkommen fahren wir ein paar Meter nach Frankreich zurück, wo im Windschatten doch noch ein netter Parkplatz auf uns wartet. Hier zeigt sich dann auch, daß wirklich 7 Leute bequem im Bus übernachten können, mit umgebautem Tisch als Bett, ausgeräumten Regalen zum drin Schlafen und Hängematte.

Der Bus hat kein Stimmrecht

Am Morgen zeigt eine Traumaussicht, Spanien, schöne Straße, Wetter, Stimmung. Nach einem Stopp mit einer kleinen Ruine am Straßenrand trennen wir uns in Figueras, das Dalí-Museeum ruft doch nur wenige, die aber um so mehr. Da fange ich mir unseren ersten Strafzettel ein, der war aber sogar billiger als die regulären Parkgebühren, während der Rest irgendwas römisches mitnimmt.

Ansonsten geht es weiter die Küste runter, immer mehr Costa Brava Landschaft, hügeliger, südlicher, felsigere Küstenstraße, bis es langsam dämmert, daß wir einen Übernachtungsplatz brauchen. Eine größere Suchexpedition im Corsa bestätigt, daß die erste Option die beste war, ein kleiner Sandweg den Berg rauf. Nachdem wir unten in der Einfahrt gegessen haben, brechen wir doch noch den reichlich steilen Serpentinenweg herauf, unglaublich, wo man den Bus überall raufjagen kann, und übernachten hoch über dem Touristikort auf einem parallel zur Küste gelegenen Höhenweg. Am Morgen geht es genauso weiter, wir durchqueren den spanischen Festlandteutonengrill No. 1, die Gegend um Tossa und Llorret del Mar, und finden in der nächsten größeren Stadt einen fitten Fiathändler. Irgendwie muß der Bus in der Werkstatt übernachten, und wir müssen das Gepäck irgendwie lagern, trotzdem versuchen wir es gegen starken Protest ohne Campingplatz. Diese Entscheidung war aber nur möglich, nachdem wir kurzfristig in einem Badeort die Strandduschen okkupieren. Und das in einem Ort, in dem die Polizei jedem parkenden Wohnmobil halbstündlich klar macht, daß niemand auch nur daran denken solle, sich den Campingplatz zu sparen.

Vorher waren wir aber schon ein erstes Mal in Barcelona, mit den Autos voll rein in den Feierabend, der Parkplatz ist Sanitätsbereitschaft, Schrottplatz, Gebrauchtwagenmarkt, Werkstatt, und eben auch Parkplatz in einem, dafür aber umsonst. Und nahe an der Sagrada di Familia, die wir uns dann auch in zwei Teams abwechselnd geben. Schön.

Nun aber zurück, wir fahren im wahrsten Sinne des Wortes zurück, zur Dusche. Nach dem ersten Barcelonatrip haben wir also auch die erste Dusche seit viel zu langem, sicherlich einer der stärksten Eindrücke auf der ganzen Fahrt.

Strandvögel

Nach dem Duschen heißt es dann Nächtigen, aber erst mal gibt es durch einiges Wirren und Verirren eine ziemliche Amokfahrt durch den Ort, anders kann man es nicht bezeichnen, wenn man sich im Stretch-Ducato durch Gäßchen von höchstens Radwegbreite, einspurig, durchkämpft. Renner bleibt hart. Am Ende Parken wir auf einer von den vor allem an Küstenstraßen immer wieder zu beobachtenden Stummelstraßen, die wohl weltweit beim Begradigen von Kurven übrig bleiben. Beim Essen ergibt sich eine Begegnung mit zwei richtigen deutschen Touriegirls, die es selber nicht ganz packen, daß sie die bisherigen zwei Urlaubswochen rein garnichts gemacht haben.

Wir lassen uns voll auf den kleinen Strand unterhalb des Straßenstummels ein, wir können da nicht weg bis der Bus wieder zurück ist. Vorher muß uns aber in der ersten Nacht dort das Radio vom Corsa geklaut werden, das alte Ducatoschloß im Treckerstil hat standgehalten. Bus wegbringen, Ruhetag, Strand, der übrigens tagsüber rappelvoll von alten Spaniern ist. Diese Nacht wir der Corsa nochmal aufgebrochen, nur diesmal von irgendwelchen Deppen, die gerade mal ‘ne Scheibe einschlagen können, mehr nicht. Es fehlen: Eine Dose Nutella, ein Hemd und leider auch Harrys Rucksack, in dem aber auch nichts ist was man toll verhökern könnte, nur eben leider sein Reisepaß. Die Strandgauner, die nachts in unserem Gepäck herumwühlen sind Toschis dünnem Schlaf hilflos ausgeliefert und lassen sich schneller in die Flucht jagen als jemand "Hey, was machen Sie da" brüllen kann.

Barcelona massiv

Nach mehr oder weniger zum Mißerfolg verdammten Versuchen, Harrys Rucksack wiederzufinden, geht der Corsa direkt vor der Opelwerkstatt kaputt, er funktioniert nicht mehr, einfach so. Nachdem der vom Opel-Mann noch auf der Straße repariert wird, wird er gleich mit allem vollgepackt, das heißt mit Gepäck für 10 Mann à 4 Wochen, ja, paßt rein. Dieses pralle Paket wird sodann auf einen bewachten Parkplatz gestellt, ohne Fensterscheibe, und dann fahren wir per S-Bahn nach Barcelona. Mehr Barcelona, noch schöner.

Micha hat derweil eine seiner Pfadi-Emailbekanntschaften mobilisiert, ein DPSG- Stamm in Barcelona, sozusagen eine Kolonie. Die verschaffen uns dann eine kleine Wiese auf einer Reitfarm in einem der nobleren Vororte von Barcelona, Bus und Corsa tauchen irgendwann sogar am Treffpunkt auf, dann finden wir nach diversem Gezeter den Treffpunkt mit unserer DPSGlerin Denise und lassen uns zur Wiese führen, auf der es sich dann auch gut schläft. Wow, die Farm hat eine kleine Klo-Dusch-Hütte neben den Pferdeboxen! Noch mehr Barcelona, noch viel schöner.

Mit dem Generalkonsulat ergibt sich auf die schnelle keine Möglichkeit, einen neuen Paß zu bekommen, entweder ist Wochenende, oder die Uttenreuther VG hat zu, die die Bestätigung faxen muß. In Malaga ist ein Honorarkonsulat, weiter geht’s. In Richtung Valencia rempelt Richti volle Kanne in die Leitplanke, komischerweise zeigt sich jedoch kein Schaden, den man nicht mit einem feuchten Lappen wegwischen könnte. Während des Plankenhüpfers habe ich gedacht, Toschis Auto hätte keine linke Seite mehr. Den Tag wird eigentlich nur gefahren, und eine größere Mittagspause mitten im Durchschnittsspanien gemacht, damit Micha auch zufrieden ist. Vor Valencia sorge ich für einen dicken Umweg, was aber außer Toschi niemand bemerkt, weil sonst kein Mensch auf die Karte schaut und wir immer schön weiterrollen. Valencia zeigt sich mal wieder im prächtigsten Feierabend, auch hier werden kleinere Haken durch geschicktes Weiterfahren kaschiert, allerdings ist es auch nicht leicht, durch Valencia hindurchzufinden, da sich die Wegweisung fast nur auf das Parkplatzleitsystem und Baustellenumgehungen beschränkt. Dieses System ist jedoch äußerst fortschrittlich, von derart konsequenten elektronischen Leitsystemen kann man hierzulande nur träumen.

"Mauren raus..."

Nach Valencia gibt es dann kostenlose Autobahnen zu beheizen, und irgendwann biegen wir dann rechts ab, finden erst aber nur Orangenplantagen bis zum Horizont. Im dazugehörigen Dorf werden wir von einem Folkloreumzug aufgehalten, der nicht gerade sehr unparteiisch oder politisch Korrekt den Sieg der christlichen Ritter über die Mauren darstellen sollte. Blitzblanke Rüstungen und so. Etwas weiter finden wir einen netten Grillplatz, der mit fließendem Wasser zur Übernachtung ruft.

Wieder fahren, diesmal bis Granada, die Alhambra ruft uns und die Sierra Nevada lädt ein. Alhambra hat schon zu, die Sierra nicht. Wir folgen einer kleineren Straße, die auch wie üblich noch kleiner wird, und diese Größe dann natürlich auch nicht hält. Kurz bevor wir umkehren wollen, halten wir probeweise unter ein paar Obstbäumen. Auch schön. Eine kürzeste Erkundung zu Fuß zeigt eine Kurve weiter einen riesigen Wanderparkplatz, inklusive Grillplätzen und einer kleinen Bar. Wieder eine Nacht auf einem Grillplatz, nur diesmal mit noch mehr fließendem Wasser, in noch schönerer Umgebung und eben der Bar, zum Glück werden wir nicht entdeckt.

...aber laßt eure Hütten hier!"

Als wir frühmorgens an der Alhambra ankommen, sind wir fast die ersten, bis allerdings die Vorhut zwecks Konsulat nach Malaga aufgebrochen ist und wir gefrühstückt haben, hat sich vor der Kasse leider doch schon eine ca. 400 m lange Schlange gebildet. Unsere Tickets sind dann erst spät nachmittags für den inneren Bereich gültig, da müssen wir aber schon in Malaga sein. Naja, mit etwas Geschick kann man auch durch den Ausgang in den Palastbereich, wozu haben wir schließlich bezahlt... Die Alhambra hat sehr schöne Gärten mit toller Bewässerung, und eben den Palastbereich mit vielen maurischen Wundern anzuschauen. Sozusagen ein Kleinmarokko de luxe zum aufwärmen.

Aus dem auswärtigen Amt

In Malaga gibt es heute keinen Paß mehr, morgen, vielleicht. Es hängt alles von den blöden Öffnungszeiten in Uttenreuth ab, die Wartezeiten in Malaga tun ihr Übriges. In Ländern mit genügend Zeitverschiebung kann man wohl garkeinen Ersatzpaß besorgen. Strand, Supermarkt, Schlafen auf einem kleinen, spitzen Berg, Grundsatzdiskussion als Gutenachtgeschichte, guten Morgen. Zur allseitigen Verwunderung bekommen wir doch noch den Paß für Harry, Dann fahren wir mit englischsprachigem Radio aus Gibraltar nach Algericas, um nach Afrika überzusetzen. Von Denise sind wir reichlich mit Horrorstories von tagelangem Anstehen an der Fähre versorgt worden. Wir haben schon Tickets, fahren praktisch ohne Stop direkt auf den besten Platz in der topmodernen Expressfähre, die Tore schließen sich hinter uns und besser hätte es eigentlich gar nicht laufen können.

In Afrika landen wir erstmal in Ceuta, einer zollfreien spanischen Enklave auf der anderen Seite. Dort gibt es nur Spanier, die es sich leisten können, und einen Querschnitt von verschiedensten Afrikanen, die niemand nach Europa läßt. Und natürlich der ganze Marokkoverkehr, der hier durchgeht. Vor der Grenze lauern ein paar Duzend Marokkaner, die den Touristen mit viel Geschick billige Kopien von einfachen DIN A5 Formularen teuer verkaufen, mit denen soll man angeblich viel schneller durch die Grenze kommen. Leuchtet natürlich sofort ein: wenn man alle relevanten persönlichen Daten und dazu noch haufenweise reichlich unwichtige übersichtlich auf einen Zettel schmiert, erspart das dem Grenzbeamten drei Fragen, wenn er sie denn stellt. Auch wir fallen voll drauf rein. Was den Grenzern aber viel wichtiger ist, ist die Leute stundenlang warten zu lassen. Wahre Meister, sage ich.

Stempelmagie

Danach kümmern sie sich dann ausgiebigst darum, daß niemand mit einem anderen als seinem eigenen Auto kommt. Importieren darf man sie zwar sowieso nicht, wer das Auto nicht wieder mit rausbringt hat verschissen, aber daß mir jah niemand mit einem fremden Auto seine Runde durch Marokko dreht. Das wissen wir schon. Wir haben für den Corsa einen Toschi dabei, dem die Karre gehört, und für den Ducato eine Bescheinigung, daß der dem Förderverein gehört, für den Förderverein eine, daß der wiederum der Kurt ist, und für uns eine vom Kurt, auf der steht, daß wir den fahren dürfen. Denkste. Die ist nicht beglaubigt, könnte ja jeder kommen. Und nicht etwa notariell oder so, sondern "polizeilich", so heißt das hier, ist wahrscheinlich das einzig amtliche was es da außer der Post gibt. Zu dumm, daß wir manches Dokument nur als Kopie haben, kein Originalstempel. Überhaupt – Stempel. Micha hat sie langsam soweit, zu glauben, er sei Kurt, er hat einfach lauter Pfadizeugs mit Stempeln aus seinem Koffer gezaubert. Das kann von den Beamten natürlich kein einziger lesen, aber Stempel sind drauf, reicht wohl. Nun geht unsere Strategie langsam dazu über, einfach alles zu zeigen, was irgendwie bestempelt ist, wer weis. Mit dem ASU-Schein, der Stinkbescheinigung, von der sonst ja niemand weis, wozu er die überhaupt hat, kriegen wir sie dann überraschend rum. Nummer vom Auto drauf, Name vom Besitzer und lauter Stempel, die kein Mensch versteht. Das reicht. Stempelmagie.

Der darauffolgende flüchtige Blick in unseren Kofferraum wirkt nicht mehr sehr motiviert, man will uns wohl auch endlich loswerden, nachdem wir uns als übermächtige Stempelmänner erwiesen haben. Als der Zollmensch dann bei der Inspektion des Corsas auf unsere Lebensmittelvorräte für eine knappe Woche stößt, und sonst nichts, muß letztendlich auch er lachen und wünscht uns eine gute Reise. So wie wir den französischen Pfadis, die mit drei alten R4s etwa das gleiche vorhatten wie wir, und eine knappe Stunde vor uns fertig waren.

Individualverkehr

Nun denn, Marokko, da wären wir also. Der Ort hinter der Grenze ist ein Ameisenhaufen. Arbeiterameisen, Händlerameisen, Taxifahrerameisen. Und wir. Von den Touristen, die an der Grenze natürlich in Massen aufgestaut waren, ist keine Spur mehr zu sehen. Erstmal durchfahren, bis wir uns etwas daran gewöhnt haben. Alle paar Kilometer Straßensperren, Schleierfahndung à la Afrika, zur Zeit ist aber wohl Tourismusförderung angesagt, wir werden als einzige immer durchgewunken. Während hundert Mercedes 250d an uns vorbeiflitzen, geht es durch ein Gebirge, das den Eindruck erweckt, so hoch wie Breit zu sein. Zudem liegt es direkt am Meer, und geht auch in Richtung Landesinneres nicht sehr weit. Wie eine Mauer gegen Europa.

Einen alten Mercedes fährt hier jeder, da aber gar nicht so viele davon gebaut wurden, müssen sich immer neun Leute gleichzeitig in einen quetschen. Die anderen neun gehen dann zu Fuß und wechseln dann wahrscheinlich hin und wieder mal durch, zumindest sind überall auch massenhaft Fußgänger, kilometerweit von irgendwelchen Ortschaften. Und die Zeit, die die einen beim vielen zu Fuß gehen verlieren, holen die anderen auf, indem sie die vollen alten Benze jenseits aller Physik über die engen, kaputten Bergstraßen schüren, aber vielleicht machen sie das auch nur, damit die Autos oft genug kaputt gehen. Sonst könnten sich die beiden Werkstätten, die in jedem Dorf mit fünf Häusern stehen, nicht halten.

So weit im Süden wird es früh dunkel, wir legen uns recht wahllos an einen struppigen Hang mit Ausblick auf Tanger. Da keine ernsthaft befahrbare Straße in Hörweite ist, werden wir nicht von einem Benz geweckt. Aber wozu gibt es die anderen neun, die auch alle frühmorgens durch unser Schlafzimmer spazieren. Der eine hat zwei Fläschchen Wasser dabei, der andere einen freundlichen Gruß und der letzte einen Baum. Nichts wie weg hier, ein paar Zigaretten an die Fußgänger, und dann ab nach Rabat.

Viel Stadt für wenig Geld

So billig diese Stadt auch klingen mag, so sehr ist sie doch Hauptstadt, Regierungssitz und Startpunkt der Marokkanischen Autobahn in einem. Hier erleben wir den ersten Souk, im nachhinein noch einen recht sanften, haut aber auf den ersten Sitz doch um. Erste Andenken sind erfeilscht, ein Freiluftschreibbüro im Stadttor nicht besichtigt und allgemein etwas aklimatisiert. Außerdem gewöhnen wir uns daran, die Tourismusattraktionen zu verpassen, ich meine irgendwas gibt es in der Hauptstadt doch bestimmt. Dadurch, daß immer die halbe Mannschaft im Bus bleibt, läßt sich auch so der halbe Nachmittag vertreiben, jetzt gibt es erstmal Autobahn auf marokkanisch. Die Maut kostet etwa soviel wie in Erlangen per Stadtbus von der Hauptpost zum Bahnhof, dafür strolcht auf der Autobahn aber nicht nur frisches Hühnchen, sondern auch noch ein erstaunlicher Anteil der anderen neun Marokkaner herum. Vor Casablanca gönnen wir uns einen Campingplatz, unsere Jurte wirkt zwischen all den neonbeleuchteten 4*e-Zelten der lustigen Marokkanischen manzeigtwasmanhat-Campern sehr eingeboren. Der Platz ist auf äußerst luxuriöse Weise uneuropäisch primitiv und kostet etwas mehr als garnichts.

In Casablanca verpassen wir auch wieder all die legendären Sehenswürdigkeiten, die angeblich irgendwo lauern, es ist im Wesentlichen eine häßliche Industriestadt mit reichlich dazu in vollkommenem Widerspruch stehender Touristik. Casablanca ist die Boomtown Marokkos. Erstaunlicherweise versucht niemand, uns Teile von unseren Autos zu verkaufen, so sehen die Typen auf dem Parkplatz zumindest aus. Statt dessen bewachen sie lieber Autowracks vor Fotoapparaten, das spart allen Beteiligten eine Menge Ärger. Merchandising kennt man hier erstaunlicherweise doch noch nicht, keine amerikanischen Bars von irgendwelchen Richards.

Wenn man aus Casablanca, oder Casa, wie es die Marokkaner selber nennen, herausfährt, stellt man fest, daß jede Straße irgendwann zur Tangente zum Zentrum wird, es ist also fast unmöglich, die Stadt zu verlassen, ein vergleichbares System soll nur in Mailand existieren. Als wir die Grenzgeschwindigkeit erreichen, um die Stadt zu verlassen, schlägt es uns auf die städtische Müllkippe, die Grundstück für Grundstück von den Reihenhausvierteln Casablancas überbaut wird, während sie immer noch zur Abfallentsorgung und als Gebrauchtwarenmarkt genutzt wird. Wir stoßen auf eine Landstraße und fahren die weiter, bis sie uns sagt, ob wir hier richtig sind. Volltreffer, hier geht es nach Marrakesch.

Ungesunde Ernährung einmal anders

Seitlich der Straße kann man nun immer öfter diese speziellen Kakteen beobachten, die einfach nur aus lauter flachen Ovalen bestehen, die ohne spezielles Muster aneinandergewachsen sind. Die wachsen zwar auch schon in Spanien und Blumentöpfen, aber erst hier zeigt sich, daß man daraus fein Hecken pflanzen kann, die bei eineinhalb Metern Höhe und zwei Metern Dicke von keinem lebenden Wesen überwunden werden können, das größer ist als eine Babykatze oder fliegt. Außerdem sind da lustige bunte Früchte dran, die man sogar Essen kann. Allerdings nicht ohne fachlichen Beistand durch einen Kakteenfruchtöffner oder einen Arzt, die haben nämlich so feine kleine Stächelchen dran, die kann man sich ganz toll überall reinrammen, wo immer es sich gerade anbietet. Es funktioniert offensichtlich wirklich nur die offizielle 3-Schnitte-Methode mit Hilfestellung, Renner jammert nach Stunden immer noch über sein Stachelmaul, obwohl er das Ding auf seine Weise geschält hat. Ich sage nur "Abgepacktes".

Erstkontakt

Am Abend, wir wollen noch vor Marrakesch übernachten, ist uns irgendwie die ganze Landschaft zu sehr zu verstreuten Höfen gehörig, um uns einfach mittenreinzulegen, außerdem entwickeln einige Leute eine plötzliche Vernarrtheit in Bäume, die hier wirklich nur in den jeweiligen Vorgärten stehen. Also fragen Danny und Christian, naja, Christian steht zumindest wichtigtuerisch daneben, zwei der Passanten, die ziegenhütenderweise unsere Ratlosigkeit bestaunen, ob das mit dem Hinlegen denn in Ordnung wäre. Prompt springt uns ein überwältigender Batzen Gastfreundschaft entgegen, und wir müssen uns von Leuten mit dem Monatseinkommen einiger Tankfüllungen einladen lassen. Nachdem wir sofort mit Decken, Kissen und dem obligatorischen Minztee versorgt sind, laden wir Mohammed und Brahim auf das unpassenderweise schlechteste Essen der ganzen Fahrt ein. Die wenigen Überlebenden bringen dann doch noch ein Gespräch auf die Reihe. Mohammed gibt wertvolle Kommentare zu unserer Reiseroute, der deutsche und marokkanische Alltag wird jeweils verglichen, und so weiter. Auch unter einem König ist Arbeitslosigkeit weitverbreitet, auch Mohammed gehört dazu. Ansonsten ist er, ja, Automechaniker, offensichtlich fahren die Benze doch nicht schnell genug.

Willkomen, dies ist die Standardroute

Marrakesch ist auf jeden Fall einen Besuch wert, das denken wohl auch die ganzen anderen halbalternativen Touries die da außer uns noch rumgurken. Die Stadt wird von einem ringförmigen Palmenwald umgeben, wirkt aber drinnen trotzdem sehr großzügig. Außerdem ist hier ein recht gutes Nebeneinander von alt und modern gelungen, insbesondere im Vergleich zu dem häßlichen "modern und doch schon wieder alt" der Küstenstädte. Vor allem sind Marrakesch als traditionelle Handelsstadt die übelsten Industrieanlagen erspart geblieben. Hier finden wir auch endlich ein paar waschechte Sehenswürdigkeiten, wie man sie mit TUI sehen würde.

Noch am selben Tag wagen wir den Paß über den Atlas, über den wir die Fahrzeit immer noch nicht richtig einschätzen können. Während der Auffahrt spult eine Vegetationszone nach der anderen vorbei, ebenso Agfa, Kodak & Co. Alle paar hundert Meter steht ein Mineralienverkäufer an der Straße. Da sie alle die gleiche Sorte angemalten Glitzerstein verkaufen, stellt sich die Frage, ob sich das für die Verkäfer weiter oben lohnen kann, da schließlich selbst der größte Glitzersteinhunger nach einigen Kilometern gestillt sein sollte, zumal man dann langsam bemerkt haben sollte, daß die Dinger schrecklich abfärben. Die Antwort lautet: Wenn sich in dieser Öde irgendwie menschliches Leben ansiedeln kann, dann ist das Steineverkaufen die leichtere Übung. Es hat.

Wetter in Marlboro Country

Diese Nacht verbringen wir in einem abgelegenen Talkessel in Marlboro Country, ein paar Kilometer von irgendeinem industriellen Tagebergbau, warscheinlich werden hier die Glitzersteine ausgebuddelt. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erleben wir das erste mal ein original südmarokkanisches Abendgewitterchen. Dieses pflegt regelmäßig Abend für Abend, manchmal auch mehrmals, unerschrockene kleine Pfadis in den Zustand erschrockener kleiner Pfadis zu versetzen, indem es zehn Minuten lang einen immer stärkeren, immer heißeren Wind wehen läßt, um danach die Zeitspanne x lang ein paar Regentropfen zu verteilen. Die Zeitspanne x ist die Halbwertzeit von im freien schlafenden Pfadis bei leichtem Regen.

Nun geht es parallel zum Atlas nach Osten. Reiseführer nennen diese Straße die "Straße der Kasbahs", obwohl sie sicherlich eine eigene Nummer hat, und obwohl sie weder Name noch Nummer bräuchte, weil sie sowieso die einzige in der Gegend ist. Immerhin stimmt das mit den Kasbahs, es steht wirklich alle naselang eine von diesen Lehmburgen da rum. Eine wollen wir auch gleich anschauen, der Fluß davor war aber anderer Meinung und ist wütend angeschwollen. Ein paar Kilometer weiter vorne im Tal gibt es noch eine, und hier kann man den Fluß sogar zu Fuß überqueren. Oder sich für die paar Meter ein Dromedar mieten.

Der nächste auf unseren Karten der Bauart "Marokko auf einen (!) Blick" eingezeichnete Ort ist Ouazazarate, der durch mindestens vierspurige Straßen und Null Verkehr überzeugt, man kann schließlich nur in höchstens drei oder vier Richtungen aus dem Ort rausfahren, und das jeweils nullkommavierspurig. In dieser faszinierenden Stadt begegnen uns des weiteren eine echte Ampel, diverse riesige Hotelanlagen, die träge am Stadtrand rumhängen, und ein völlig herrenloses Andenkengeschäft, das einen angenehmen Kontrast zu all den penetranten "Just look, good price, friend"- Verkäufern darstellt.

Mal eben durch’s Dorf

Ab da wird sehr viel durch Steinwüste gebrettert, und dann 50 km geradeaus durch den Ort, wo nur Steinwüste in der Karte steht. Wo ein Flußtal ist, ist es grün, und wo Grün ist ist Dorf. So einfach ist das, nicht Dörfer wie Perlen auf einer Kette, wie es die kitschigeren Reiseführer beschreiben, sondern wie Isolierung um ein Stromkabel, wehe es gäbe mal irgendwo fünf Meter Bebauungslücke. Dieses Schlauchdorf XL wird am hinteren Ende tapfer durch eine Königliche Kaserne gegen die Steinwüste verteidigt, die dahinter wieder in voller Pracht und Leere beginnt. Vor lauter Geradeausfahren verpassen wir die Dämmerung und es ist plötzlich stockfinster. Das erste Abendgewitterchen errinnert uns daran, daß es zeit ist, sich ein paar Quadratmeter Steinwüste zum pennen zu schnappen, und zeigt einen kaputten Scheibenwischer im Opel. Toschis Glitzersteine färben nicht nur ab und machen arm, sondern stöpseln auch noch Scheibenwischer aus. Ich darf sie trotzdem nicht wegschmeißen.

Hier bauen wir für Sie

Danach finden wir an einer Nebenpiste ein besonders schönes, viereckiges weißes Stück Steinwüste zum drauflegen. Das dann einsetzende Abendgewiterchen ist besonders niedlich. Am nächsten Mittag biegen wir rechts ab. Schon im Ort gibt es nur eine Sandpiste auf dieser Route, außerorts immerhin derer drei. Wir entdecken daneben auch einen schönen Asphaltstreifen, der allerdings durch einen dicken Graben von den Pisten getrennt ist. Huntert Meter zurück finden wir eine Auffahrt, und rollen auf der Straße weiter. Bis plötzlich ein ähnlicher Graben senkrecht zur Fahrbahn liegt, eine Sandpiste führt einfach quer durch die Straße durch. Kurz bevor wir den Graben zuschütten, kommen die beiden Marokkaner, die Mofafahren, vorbei und klären uns auf, daß die Straße noch nicht fertig sei , und daß diese Gräben "Achtung: Baustelle"-Gräben seien und daß die neun Söhne vom Straßenbaumeister sehr böse würden, wenn jemand ihre Absperrungen kaputtmacht. Man solle doch auch die schon fertigen Kilometer auf der Sandpiste fahren. Die ist dann auch total lustig, zu lustig für so manche Coladose, eine explodiert sogar vor Lachen.

Nach Wiedererreichung einer zivilisierten Straße, mutiger Durchquerung einer riesigen Hochzeitsgesellschaft und Verwunderung über die grotesken Höcker, die uralte Oasenbewässerungssysteme in die Landschaft stellen, erreichen wir Erfoud. Von da kann man, wenn man immer den Telefonmasten folgt, je nach verwendetem Reiseführer mit dem Jeep oder dem eigenen Auto zum Erg Chebi fahren, einer riesigen Sanddüne, die den Anfang der Sahara, so wie man sie sich vorstellt, markiert. Das mit den Telefonmasten wissen auch die Guides, Gauner, Gelegenheitswasgeradegebrauchtwird, und erzählen bereitwillig, daß die Telefonleitung nicht mehr in Betrieb sei, sondern jetzt automatisch ist, weshalb man sie bräuchte, um zum Erg zu kommen. Aha. Automatisch, soso. Man kann also mit dem eigenen Auto fahren, die haben selber keinen Jeep. Als wir es auf gut Glück versuchen, zeigt sich, das sich die Fremdenführerzunft noch nicht die Mühe gemacht hat, die Telefonmasten auch wirklich wegzuräumen. Hier am südlichsten Punkt unserer Reise ist es heiß, sandig, und wir haben passenderweise auch genau den Mittag erwischt. Auch am Ende der Welt gibt es Cola, wenn man lange genug danach fragt. Schnell wieder weiter, Fahrtwind. Wieder ein Oasental, diesmal nördlich, der Atlas ist hier Flacher und über mehrere parallele Kämme verteilt. In einem der Ost-West-Täler lassen wir uns vom Abendgewitterchen in den Schlaf tröpfeln.

Am Morgen erweist sich auch die Piste, an der wir diesmal genächtigt hatten, als wichtige Verbindung, sogar das Militär kommt vorbei und gafft neugierig unter dem Vorwand, Hilfe anzubieten, denen fiel dann aber auch kein Problem ein, daß wir haben könnten.

Grüne Marktwirtschaft

Nach wiederum eindrucksvoller Bergdurchfahrt wird es nach Norden wieder immer grüner. In einer Kleinstadt bricht der Kaufrausch aus, Massenweise Trommeln und die Teppiche der Familie Joa füllen den Bus. Vor Fez kommen wir durch Kleineuropa, auf etwa dem Gebiet eines kleinen Landkreises werden ausschließlich mitteleuropäische Spitzdächer gebaut, es schaut alles fast aus wie daheim, während es diesen Baustil ansonsten in Marokko überhaupt nicht gibt.

Die Gegend um Fez wird intensiv genutzt und es erscheint unmöglich, einen Schlafplatz zu finden, zwischen Steinbruch und Plantagen findet sich aber doch noch eine fast ideale Fläche für uns. Fez selber nimmt den gesamten Tag in Anspruch, nachdem die Besichtigungen im mit Abstand wildesten, engsten und abwechslungsreichsten Souksystem Marokkos sich immer länger erstrecken und einige dann auch noch von einem königlichen Küchengehilfen mit deutscher Bildung zum Essen eingeladen werden. Der Abend endet im Chaos. Nachdem ernste Verständigungs-, Finanzierungs- und Planungsschwierigkeiten bei der eingeladenen Gruppe auftreten, gerät eine andere noch zwischen die Fronten zweier konkurrierender Fremdenführer, wir entfernen uns in Flucht und übernachten in einem Feld voller dicker Mistkäfer, das zudem dem dazugehörigen Hof recht nahe liegt. Am Morgen so unauffällig gehen wie man glaubte gekommen zu sein.

Danach geht alles recht schnell, wir kommen bald ans Mittelmeer, übernachten auf einem echt gemütlichen Campingplatz bei einem echt verwestlichten Mittelmeerbadeort mit echt verwestlichten Marokkanergästen, alles gut, nur am Morgen geht der Fiat nicht an.

Der Bus will nicht nach Spanien

Der Vormittag wird in verschiedenen Werkstätten verbracht, es gibt ja genug, die letzte ist sogar fähig. Dafür können die kein Wort französisch. Aber sie kriegen den Bus zum Laufen, mit Ach und Krach, viel Rauch und Lärm. Er funktioniert wieder, der Motor darf nur nie kalt werden. Aha. Bis nach Hause oder was. Wenn er doch mal kalt wird, heißt es anschleppen, und zwar auf knapp 50 km/h, knapp drei Tonnen mit dem 45 PS Corsa.

Wir wollen nur noch zum Fiathändler, oberste Priorität. In Ceuta. Grenze klappt, der Bus springt wieder an. Wir irren durch Ceuta, bis die ganze Stadt nach kaputtem Dieselmotor stinkt, Fehlanzeige. Fähre. Kalt. Der Bus geht wieder an. Glück gehabt, Abschleppen in der Fähre wäre nicht sehr witzig. Fiathändler in Algericas, Freitag Abend, 11 Uhr. Wir finden alles andere, nur nicht den. Mac Donald’s Algericas: Macht gerade zu. Durchfahren bis Malaga. Gemütlich, freie Straße.

Heizen in Malaga

In Malaga hat der Mac erst ab Mittags offen, soviel zum Thema Frühstück. Tausendfach Durchfragen, wir fahren seit drei Stunden immer fast die gleichen drei Straßen ab. Der "Carrier Hernan Hesse" hat es hier wohl gerade mal zum Straßenstrich gebracht, dort ist aber auch ein Fiathändler. Aha, Fiat baut also auch Gabelstapler. Irgendwann finden wir auch den richtigen, allein auf weiter Flur, immerhin könnte man ihn von der Autobahnbrücke aus sehen, wenn er Licht an hätte. Netter Parkplatz hier, zu mehr sind die Fahrer / Navigator - Teams, die die als einzige überhaupt noch wach sind, nicht mehr fähig, soll sich doch jemand anderes darum kümmern, ja worum eigentlich, nur noch Schlafen.

Warum auch nicht, der Morgen ist lang und es stört uns auch niemand, da der Händler Urlaub macht. Nach einiger Zeit gemütlicher Enttäuschung, die auch fleißig genutzt wird, um sich anhand von Supermärkten klarzumachen, daß wir wieder in Europa sind, fahren wir erstmal denn Bus hoch. Eine praktisch unbenutzte Gewerbegebietspiste 500 Meter geradeaus bietet sich an. Per Hand werden 2,8 t Fiat in Position gebracht, und dann nach reichlicher Planung mit Starthilfe zu Fuß vom Corsa beschleunigt. Der Bus springt 35 m vor der Schnellstraße an. Dabei wird der kleine Corsa durch die plötzliche Last am Seil beim Kupplung Kommenlassen im Bus lustig herumgebeutelt, und der zu reanimierende Motor macht bei den Fehlversuchen so viel Lärm und dicke Luft, daß wir es erst gar nicht merken, als er läuft. Außerdem ist das Standgas so schwach, daß er gleich wieder ausgeht. Also nochmal von vorne, nur diesmal mit einem Gasassistenten neben dem Fahrer, der einfach nur Vollgas geben muß, wenn der Motor läuft und die Füße des Fahrers vor der Schnellstraße mit Bremsen schon voll ausgebucht sind.

Organisierter Rückzug und ...

Mit der Zeit röhrt die Maschine so gleichmäßig, daß der Start in Richtung Norden gewagt werden kann. Irgendwie hat nun keiner mehr Lust, wegen irgendeiner spanischen Stadt, die für uns auf dem Rückweg sowieso fast wie zu Hause aussehen, zu riskieren, daß der Motor kalt wird. Die meisten würden am liebsten komplett bis Uttenreuth durchfahren. Das läuft natürlich nicht, nach gleichmäßigem Autobahngerolle den ganzen Tag fordert die Nacht auch diesmal ihren Schlaf, wenn auch wieder recht spät. Wir sind schon bis fast an die Pyrenäen durchgefahren, wir wollen zumindest noch einen Fuß auf Andorra setzten, nachdem wir es schon verpaßt haben, mit Gibraltar schnell noch einen zusätzlichen Staat in unsere Route einzuhängen.

Der recht gute Schlafplatz, den wir in der Nacht ohne große Suche gefunden haben, liegt am Berg über der Straße, wir lassen es auf einen Versuch ankommen und schubsen den Ducato ohne Corsa denn Hang runter. Wir sind dann auch recht bald in Duty-Free, früher hieß es "Fürstentum Andorra", und verbringen dort tatsächlich einige Zeit Fertigwaren anstaunend und Kippenstangen zählend. In Andorra ist es trotz der hohen Lage noch recht warm, 34°, sagt ein Thermometer am Wegesrand. In Richtung Frankreich liegt erstmal ein mittlerer Paß, oben ist es doch tatsächlich echt kalt, sicher unter 30°, pünktlich zur französischen Grenze wird das Wetter noch schlechter. Das schockt sogar den Fiat. Auf der Paßhöhe pinkelt er braune Flüssigkeit aus irgendeinem unauffindbaren Loch, wahrscheinlich denkt er, daß er jetzt nicht mehr so viel Kühlwasser braucht. Wir lassen ihm seinen Willen und fahren weiter, er will aber immer noch Aufsehen erwecken und spuckt deshalb stoßweise riesige weiße Wolken und manchmal auch Feuer aus dem Auspuff. Einfach weiterfahren erweist sich trotzdem als probates Mittel, nach einiger Zeit läuft er wieder so schlecht wie immer in den letzten Tagen.

... Organisiertes Erbrechen

Abend bei einer Windradwasserpumpe, Tilli will nicht abspülen, also läßt er sich überhapt das mit dem Essen nocheinmal durch den Kopf gehen. Am nächsten Morgen wachen wir auf, ein Bauer sagt uns, um wieviel Uhr er den belegten Weg dann doch mal wieder bräuchte, und wir bleiben fast dort hängen, weil der Corsa den Bus nur mit viel Schwung, der richtigen Spur und reichlich Muskelkraft den Berg hinaufbringt. Es ist Montag und es blüht Fiathändler. Der sagt uns, daß er das Elektroding, dem die Marokkaner die Schuld in die Lötschuhe geschoben haben, nicht hat, weil unserer ein deutscher Fiat sei und kein französischer. Soso, und die spanische Kupplung funktioniert wohl illegal oder was. Zumindest meint auch er, daß man wohl ohne Risiko weiterfahren könne. In Carcassonne geben wir uns dann zum Trost noch etwas Touristenmittelalter, inklusive Australien-Shop auf der Burg, um dann wie blöde weiter konsequent auf kostenlosen Straßen durch Frankreich zu kreuzen.

Außer Essen, Tanken und Fahren findet nicht mehr viel statt, Man sieht halt Frankreich aus Routiersicht. Auch die letzte Nacht wird erst spät begonnen, irgendwo in einem feuchten Gestrüpp bei Roanne. Der letzte Tag wird auch als Fahrexzess begangen, hier hält uns kaum etwas. Nicht einmal die Sonne, die wieder fleißig scheint, wärmt in diesen Breiten so richtig. Irgendwann kommen wir noch an einer Riesenfiatwerkstatt vorbei, die macht aber Mittagspause, immerhin bemerken wir, daß neuerdings der Tankdeckel fehlt, zumindest der könnte kompatibel sein. Das ist der Deckel von unserem Trinkwasserkanister auch, also sparen wir uns die Warterei. Noch in Frankreich Übergibt sich Toschi, nicht ganz nach Tillis Vorbild. Wie auch immer, ansonsten verläuft die restliche Fahrt komplikationslos bei reichlich gedämpfter Stimmung, weil nun alles vorbei ist.

Ja, so war das also...

Ulf